Cimarron bibliophil

Nicht über den eigenen Schatten springen

Aphorismen und satirische Prosa - 180 Seiten

An jenem Tag, als die Deutschen von diesem Ansinnen ihres europäischen Verbündeten erfuhren, herrschte Karneval in ihrem Land, so lag es nahe, zunächst die Sache auf die leichte Schulter zu nehmen – und darüber zu lächeln, nicht weil es aus Italien kam, nein, das Begehren der sonnenverwöhnten Mittelmeerbewohner paßte von seinem Sinngehalt her wunderbar zu einem Vortrag in der Bütt, doch dort waren alle Plätze schon vergeben und die Reden gehalten.

Guter Rat war teuer! Internationale Rechtsexperten vertraten die Ansicht, daß der Nachfolgestaat der alten Römer wegen einer unglaublich langen Verjährungsfrist dazu nicht befugt sei. Und überhaupt, ist die Sprache nicht ein menschliches Gemeineigentum, und wer sich ihrer bedient, spricht sie, was seine Sache ist, nicht die eines Staates.

Aus: Raus mit der Sprache

Ich will mehr wissen über den Inhalt seines Buches, das Kritiker als sein bestes bezeichnen.
Stookenbrok betont, daß er, auch wenn Protagonisten aus früheren Romanen darin vorkommen, dieses Buch völlig neu gestaltet habe. Er will zeigen, daß Menschen aus unterschiedlichen Schichten sich in einer Großstadt oder Metropole wohl fühlen können, ja, sogar glücklich darüber sind, ein Städter zu sein...

Ich höre seine Antwort kaum, so laut prasselt der Regen auf das kleine Dach und gegen die Scheiben des Dubliner Telefonhäuschens.
In plötzlicher Erkenntnis dieser verrückten Lage, die kein vernünftiges Interview mit einem Star der Literaturszene zuläßt, brechen wir beide in ein ungestümes Lachen aus, das uns um die schönsten Gedanken bringt.

Aus: Die glückliche Stadt

Sie saßen an einem großen runden Tisch; einer sah den andern. Hinter einem der Männer standen zwei vermummte Gestalten, die schwere Waffen in ihren Holstern trugen. Sie bewachten einen an Händen und Füßen gefesselten Mann, der fünf Menschen qualvoll getötet hatte.
Das Gespräch über die Seele war von einem reichen Mann gesponsert worden; es fand an einem sicheren Ort statt, und es sollte aufgezeichnet werden - für die Nachwelt. Das würde sich zeigen!

„Ich kann mich nicht mit dem Gedanken anfreunden, in einer Runde von Staatsbürgern zu sitzen, in der sich ein Serienmörder befindet.“ Alle Augen wandten sich dem Gefangenen zu. „Daher stelle ich den Antrag, darüber zu entscheiden, ob wir diesen Mann nicht zuerst reden lassen sollten, um danach das Gespräch ohne ihn unbefangener fortführen zu können.“
Der Banker erhob als erster seinen Arm. „Ich stimme dem Antrag zu.“
Der Philosoph folgte ihm. Der Feuilletonist schüttelte den Kopf und schwieg.
Der Politiker rekapitulierte das Ergebnis. „Ich stelle fest, daß die Mehrheit meinem Vorschlag folgt. Damit gebe ich das Wort weiter an den Gefangenen.“

„Wollen Sie wissen, ob meine... Opfer um ihr Leben gebettelt haben? Ja, das haben sie. Und je länger sie in meiner Gewalt waren, desto größer war ihr Erniedrigung vor mir. Aber eine Seele habe ich nicht entdecken können.“ Er sah von einem zum andern. „Gibt es sie überhaupt!?“

Aus: Einige Vermutungen über die Seele

Aphorismen - Auswahl

Er war einer Idee auf der Spur,
wie Demokratieverständnis und Kapitalismus
zusammenbleiben, ohne daß einer von beiden
an der Ungleichheit der Verhältnisse
zugrundegeht.

* * *

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, heißt es.
Und eine gute Geschichte kann von Menschen erzählen,
die tausend Bilder nicht sichtbar machen können.

* * *

Nachdem es Gott gelungen war,
die unerfüllbaren Wünsche der Menschen
einigermaßen in vernünftige Bahnen
zu lenken, besann er sich eines Besseren,
und leitete sie um in die Gedanken
all jener Menschen, die lange schon vergessen hatten,
von einer schöneren Welt zu träumen.

* * *

Eine alte Sitte: Vor jeder Wiederwahl
einer demokratischen Partei
hören wir im Fanfarenton
neue positive Änderungen auf (fast)
allen Gebieten des Lebens.
Ein Gebiet bleibt unberücksichtigt – das mit den
nicht eingehaltenen Versprechungen
vor der letzten Wahl.

* * *

Traurige und unumkehrbare Situationen des Lebens
aufs zu bringen oder in einem Roman
auszuschlachten – wem ist damit gedient?
Warum fällt uns das Leichte so schwer!

* * *

Als er das elektronische Buch zu '
Ende gelesen hatte,
beschlich ihn der Verdacht,
daß sein Bewußtsein aus der Zeit gefallen war –
er vermißte die Erinnerung an
den wohligen Papierkörper
eines gebundenen Buches.

* * *

Über die Eitelkeit des Denkens
schweigen die Philosophen.

* * *

Den großen Drehbuch–Preis des Universums
an all jene,
denen wir die Szenen unseres Lebens verdanken,
ohne die Rollen einstudiert zu haben.

* * *

Diamanten wissen nichts von ihrem Wert.
Und auch das Geld hat keine
Beziehung zu sich selbst.
Kostbarer als alle diese Dinge
erscheint mir das Leben.
Seine flüchtige Natur besitzt einen
unschätzbaren Wert:
Sie ist nicht käuflich und
entwickelt einen einmaligen Charakter.

* * *

Nicht zu lange ins Innere horchen,
wenn das Alter uns erreicht hat.
Manche Signale sind ein Echo
der Erinnerung an die Zukunft.

* * *

Unsere Gedanken über die Dinge und Menschen
sind auf kleinen Booten zuhause;
sie schwimmen auf einem Meer,
dessen Horizont der Himmel ist –
und darin verschwinden sie.
Es gibt einen Hafen, in dem sich alle Boote treffen.
Das muß der Ort des Sammelns sein –
oder der Geschwätzigkeit.
Was wäre uns lieber?

* * *

Sterbliche sehnen sich
eher nach einer besseren Aussicht
auf das Ende der Zeit.

* * *

Glücklich der Mensch,
der in Musik sein anderes Ich
zu erkennen sucht.

* * *

Was bedeutet es schon,
weitere Kenntnisse über das Leben zu sammeln!
Es sind doch nur neue bunte Flicken
zum Kleid unserer menschlichen Eitelkeit.

* * *

Titel der satirischen Geschichten

Aufgegriffen
Raus mit der Sprache
Das Duell
Die glückliche Stadt
Staat in Not
Der kurze und der leichte Weg zur „Glückseligkeit“
Revoluzzer
Einige Vermutungen über die Seele
Grund & Boden1
Goldene Worte ans eigene Haus
Mit einer Prise Ironie
 


Nicht über den eigenen Schatten springen - Band 19
Erstauflage April 2014. Die ersten drei Ausgaben bleiben beim Cimarron-Team.
Reihe Cimarron bibliophil, im Prägestempel vom Autor numeriert und signiert.
Text/handschriftl. Vermerke Gregori Latsch, Cimarron-Team.
Buchblock A5-Format, von Hand gebunden.
Gestaltung/Satz/Laserdruck Doris Hess, Cimarron-Team.
Papier Vorsatz Bütten. Innen Büttenqualitäten (z.B. Zanders, Hahnemühle etc.) u.a. Fein- u. Transparentpapiere.
Bildmaterial 10-16 Reproduktionen von Fotos und/oder Grafiken/Mischtechniken
Covergestaltung Sechs Engel (Cimarron-Archiv, Frankfurt/M.). Die englische Broschur enthält kein Titelbild, sondern ein Alle Titelschildchen.
Prosa-Sammelbegriff Aufgegriffen. Darunter erscheinen im zweiten Teil des Buches kurze, prägnante Geschichten aus der Zeit/über unsere Zeit, die ein interessantes Spektrum unseres Lebens erfassen.
Preis Englische Broschur 200,00 €
Leinenausgabe 260,00 €
Ganzlederausgabe 320,00 €
(incl. Mwst. u. freie Zusendung innerhalb Deutschlands).
 
 
© 2015  |  info@Cimarron-art.de  |  Kontakt  | Impressum
www.Cimarron-art.de